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Entzündungen im Gehirn bekämpfen

Entzündungsprozesse spielen bei Nervenerkrankungen eine größere Rolle, als lange angenommen. Zum Beispiel bei Depressionen und Demenz
von Dr. Christian Guht, aktualisiert am 26.05.2017

Entzündliche Prozesse im Gehirn können die Stimmung trüben

Getty Images/ericmichaud, istock/Rost9D

Es gibt sie wirklich, die Patienten, die Mediziner vor Rätsel stellen. Zum Beispiel die junge Frau, die in New York ein Bilderbuchleben führt. Ihr Job ist toll, ihr Freund auch. Doch irgendwann plagen sie Konzentrationsstörungen und Stimmungsschwankungen. Die Ärzte finden zunächst nichts. Hirnstromkurve, Laborwerte, Kernspintomografie – alles unauffällig. Als die Patientin halluziniert, verdächtigt man sie des Alkoholismus.

Krankengeschichte verfilmt

Erst nach einem epilep­tischen Anfall denkt ein Arzt an eine kurz zuvor entdeckte Autoimmunerkrankung des Gehirns: die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Eine rettende Eingebung. Dank spezieller Medikamente wird die junge Frau wieder ganz gesund. Happy End: Dieses Frühjahr kommt die autobiografische Krankengeschichte der Journalistin Susannah Cahalan in den USA in die Kinos.


Autoimmun-Enzephalitis

Schon länger kennen Neurologen das Phänomen der paraneoplas­tischen Enzephalitis. Dabei handelt es sich um eine Hirnentzündung, die als Folge eines Krebsleidens auftritt: Im Kampf gegen den Krebs attackiert das Immunsystem irrtümlich gesunde Hirnzellen.

In den vergangenen zehn Jahren wurden zunehmend ähnliche, nicht durch Krebs ausgelöste ­­Auto­immun-Enzephalitiden entdeckt. Sie führen typischerweise zu epileptischen Anfällen oder demenzähnlichen Krankheitsbildern mit Konzentrations- und Gedächtnisabbau, verursachen aber auch Wahnvorstellungen oder Zwangsgedanken. Dadurch können sie leicht mit anderen Hirnleiden verwechselt werden.

Um die Diagnose Autoimmun-Enzephalitis zu bestätigen, müssen Fachleute die charakteristischen Antikörper nachweisen, die die Attacke ausführen. Diese greifen entweder oberflächliche Strukturen der Nervenzellen an oder Teile des Zellinneren.

Letzteres tritt häufiger bei krebsbedingten Entzündungen auf und lässt sich schwieriger behandeln. Eine Enzephalitis durch Oberflächen-Antikörper ist mit Kortison und Immunglobulinen hingegen oft gut behandelbar – wenn sie richtig und rechtzeitig erkannt wird.


Damit hat es eine Krankheit nach Hollywood geschafft, die erst vor zehn Jahren entdeckt wurde – und die seither den Blick von Medizinern auf verschiedene neuropsychiatrische Beschwerden veränderte. Es handelt sich dabei um eine Entzündung des Gehirns, die nicht durch Erreger verursacht wird, sondern durch eine Attacke des eigenen Immunsystems auf bestimmte Signalschaltstellen.

Gehirnentzündungen manchmal mit Psychose verwechselt

Zwar kannten Nervenärzte ähnliche Krankheitsbilder auch schon vorher. Ein Beispiel ist die multiple Sklerose, bei der körpereigene Abwehrzellen die Nerven und ihre Umhüllungen angreifen. Akute Entzündungen des Gehirns aber galten gleichwohl lange als ein vorwiegend infektiologisches Problem: verursacht durch Bakterien oder Viren. Inzwischen beschäftigen sich Neurologen zunehmend mit Schäden des Gehirns durch die eigene Körperabwehr. Teils weil diese im Zuge anderer Leiden wie Krebs auftreten, teils weil die folgenreichen Immun­reak­tio­nen erst jetzt erkannt werden.

Ärzte, die es nicht besser wissen, diagnostizieren bei Erkrankten auch heute noch schulterzuckend eine "Enzephalitis ohne Erregernachweis" oder fälschlicherweise eine Psychose. Wie oft das passiert, darüber sind sich die Fachleute nicht ganz einig. Zwar gelten Autoimmun-Enzephalitiden als seltene Erkrankungen – die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis als noch vergleichsweise häufige Form trifft etwa einen von 100 000 Menschen.

Doch finden Spezialisten mittlerweile "alle paar Monate" weitere Antikörper, die dem Nervensystem in ähnlicher Weise zusetzen können, wie Dr. Harald Prüß von der Berliner Charité berichtet. "Man muss von ­einer gewissen Dunkelziffer solcher Erkrankungen ausgehen", meint der Neurologe, der eine Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis auch als Todesursache des berühmten Eisbären Knut ausmachte.

Spezielle Antikörper auch bei Demenz und Schizophrenie

Solche Antikörper, glauben manche Experten, könnten aber auch bei Krankheiten eine Rolle spielen, die weitaus verbreiteter sind – bei Schizophrenie etwa oder Demenz. Psy­chiater vom Uniklinikum Magdeburg wiesen bei fast jedem zehnten Schizophrenie-Patienten NMDA-Rezeptor-Antikörper nach. Bei Demenz­patienten lassen sich diese ebenfalls bisweilen im Nervensystem finden. Wie groß der Anteil Betroffener ist, weiß momentan niemand.


Eine Unwissenheit mit Konsequenzen, wie Mediziner Prüß betont: "Man hätte bei dieser Gruppe einen konkre­ten Behandlungsansatz." Man könnte die Entzündungen eindämmen. Professor Christian Bien, Chefarzt des Epilepsie-Zentrums Bethel in Bielefeld, äußert sich zurückhaltender: "Man findet Antikörper in niedriger Konzentration oder varianter Form bei relativ vielen Patienten – was aber nicht zwangsläufig heißt, dass die Immunreaktion auch Symptome verursacht." Belastbare Daten für eine erfolgreiche Antikörperbekämpfung etwa bei Demenz gebe es bislang nicht.

Entzündungen beeinflussen Stimmung

Bei Menschen mit Anzeichen einer Depression dagegen erproben Nervenmediziner bereits länger antientzündliche Therapien. "Patienten mit multipler Sklerose zeigen sehr häufig Symptome einer Depression", sagt Professor Christian Otte, Psychiater an der Charité Berlin. "Zu häufig, als dass dies nur als eine seelische Reaktion auf die chronische Erkrankung zu erklären wäre." Die Vermutung der Experten: Offenbar drücken auch die Entzündungsstoffe, die bei MS-Patienten dauerhaft erhöht sind, auf die Stimmung.

Im vergangenen Jahr stellten Forscher des King’s College in London fest: MS-Patienten sind umso depressiver, je aktiver die Entzündung im Gehirn war. Insbesondere bestimmte Immunbotenstoffe, die sogenannten Zytokine, sollen für diesen Effekt verantwortlich sein.

Darauf deuten auch Nebenwirkungen bei der Hepatitis-Therapie hin. Betroffene werden mit dem Zytokin Interferon-Alpha behandelt – und reagieren darauf häufig mit Niedergeschlagenheit. Zytokine sollen den Hippocampus schädigen – eine Gehirnregion, die für Gedächtnis und Emo­­tionsregulierung zuständig ist.


Manche Depressive profitieren von Rheumamitteln

Liegt da nicht der Schluss nahe, dass entzünd­liche Prozesse auch bei Depressionen eine Rolle spielen? "Sicher sind nicht alle Depressionen darauf zurückzuführen", erläutert Ottes Kollege Professor Stefan Gold. Einige Patienten aber könnten von einer antientzündlichen Therapie profitieren. Das gilt umso mehr, da Betroffene mit erhöhten Entzündungswerten offenbar weniger gut auf die klassischen Medikamente reagieren.

Entsprechende wissenschaftliche Studien zur Depressionstherapie mit Entzündungshemmern haben bereits stattgefunden. Vor allem bestimmte Rheumamittel zeigten dabei Erfolge. Eine entsprechende Behandlungsmöglichkeit wird es in absehbarer Zeit aber trotzdem nicht geben.

Erklärung aus der Steinzeit

Zum einen sind da die Nebenwirkungen, die bei der Kombination von antientzündlichen und antidepressiven Medikamenten zu befürchten sind. Zum anderen hat die Pharmaindus­trie an teuren Therapiestudien wenig Interesse: Die Rheumamittel sind schließlich bereits auf dem Markt und versprechen ohne Patentschutz kaum Gewinn. Interessanter wäre die Zulassung künstlicher Antikörper gegen Zytokine. In Studien zeigten die entsprechenden Substanzen bislang jedoch keinen Effekt.

Aber wieso hängen Entzündungen sowie depressives Empfinden und Verhalten überhaupt zusammen? Weil das evolutionär Sinn macht, sagen Forscher. Wenn der Körper gegen Krankheitserreger kämpft, ist Schonung durch Rückzug von Vorteil. Auch heute noch. Unter modernen Lebensbedingungen können zusätzlich psychologische Stressreize das Alarmsystem des Körpers anwerfen. Folgt dann nicht irgendwann eine Art Entwarnung, kann die aktivierte Abwehr die Laune dauerhaft drücken.


Folge oder Ursache?

Immunreaktionen begleiten jedoch auch Hirnerkrankungen, die nicht mit Verstimmungen einhergehen – zum Beispiel die Alzheimer-Demenz. Dabei ruft übermäßiger Eiweiß-Müll im Gehirn die körpereigenen Abwehrzellen des Patienten auf den Plan. Ob nun der giftige Zellmüll das Leiden auslöst oder erst die Entsorgungs­versuche der Abwehr, ist umstritten. Therapieversuche in die eine wie in die andere Richtung schlugen bisher fehl. "Auch bei Epilepsie lassen sich ähnliche Immunreaktionen finden", berichtet Bien. "Aber offenbar sind solche Effekte zu allgemein oder noch nicht genau genug verstanden, um sie gezielt für die Behandlung zu nutzen."

Obwohl konkrete Therapieansätze bislang kaum existieren, sind sich ­­Experten einig: Das Wissen um unspezifische Immunantworten und ihre Folgen bereichert die Nervenheilkunde. Schon allein, um Krankheiten wie Depression oder Demenz künftig besser zu verstehen.




Bildnachweis: Getty Images/ericmichaud, istock/Rost9D

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